Seit den 1960er Jahren sind Frauen in Belgien und Westeuropa aktive und wichtige Teilnehmerinnen am wirtschaftlichen Leben. Das 28. Weltwirtschaftsforum veröffentlichte 2014 seinen Bericht zur Analyse der Gleichstellung der Geschlechter in 142 Ländern.

Obwohl drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, rangiert Japan in Sachen Geschlechtergleichstellung weit hinter anderen Nationen, nämlich auf dem 104. Platz von insgesamt 142 Ländern und Gebieten. Belgien wird in diesem Bericht auf Platz 10 aufgeführt. Der Bericht zeigt auf, dass wohlhabendere Länder zu einer gerechteren Behandlung von Frauen tendieren – Japan scheint hier eine große Ausnahme zu sein.

Dem Bericht zufolge beträgt die Erwerbsbeteiligung der Frauen in Japan lediglich 63 %, der Anteil der Männer liegt bei 85 %. 35 % der weiblichen Beschäftigten arbeiten auf Teilzeitbasis, dem gegenüber stehen lediglich 10 % teilbeschäftigte Männer.

Womenomics

1999 kam ein Analystenteam unter der Führung von Kathy Matsui von Goldman Sachs zu dem Schluss, dass Japan durch die Integration von Frauen in das Arbeitskräftepotential sein BIP um ganze 15 % steigern und somit die Kluft zwischen den Geschlechtern schließen könnte, die auf dem japanischen Arbeitsmarkt entstanden war. Heute, über 14 Jahre nach dem legendären Exposé von Kathy Matsui zur Gleichstellungspolitik in Japan, beginnt sich die Situation endlich zu ändern. Dank Shinzo Abe hat der dem Bericht von Kathy Matsui entlehnte Begriff „womenomics“ endlich Einzug in das politische Wörterbuch Japans gehalten.

Abenomics

Womenomics ist eine zentrale Komponente der als „Abenomics“ bezeichneten und viel gepriesenen Reformpläne von Japans Premierminister Shinzo Abe. Abe will die japanische Wirtschaft modernisieren und sie aus der Deflation wieder in eine Wachstumsphase überleiten. Sein Ziel war es, die Wirtschaft mithilfe von „drei Pfeilen“ wiederzubeleben: einem massiven Konjunkturprogramm, einer aggressiveren Geldpolitik der Bank von Japan sowie mittels Strukturreformen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit Japans.

Anlässlich der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums im schweizerischen Davos im Jahr 2014 erklärte der japanische Premierminister Shinzo Abe, dass das weibliche Arbeitskräftepotenzial die am wenigsten genutzte Ressource seines Landes sei und bekundete die Absicht, 30 % aller Führungsposten bis 2020 mit Frauen zu besetzen.

Anlass zu diesem Vorhaben und den entsprechenden Gesetzesvorschlägen ist die herrschende Krisenstimmung: Solange Japan nicht mehr Frauen als Arbeitskräfte gewinnen kann, könnte es einen gravierenden Arbeitskräftemangel erleiden. Grund hierfür ist die schnell alternde und rückläufige Bevölkerungszahl, welche das zukünftige wirtschaftliche Wachstum des Landes und die Tragfähigkeit seines Sozialversicherungssystems überschattet.

Die japanische Bevölkerung altert schneller und schrumpft stärker als in jedem anderen Industrieland. Der höchste Rückgang wurde im Jahr 2014 verzeichnet: Circa 1,001 Millionen Kinder wurden geboren, die Sterberate hingegen lag bei 1,269 Millionen.

Die Geburtenrate in Japan beträgt 1,3 Kinder pro Frau. Sie entspricht damit der Rate in vielen europäischen Ländern bzw. liegt sogar darüber. Doch in Europa wurde der Bevölkerungsrückgang durch den Import von Arbeitskräften bekämpft. In Japan hingegen unterliegt die Einwanderung strengen Beschränkungen.

Ungefähr 60 % der Frauen geben ihre Erwerbstätigkeit mit der Geburt des ersten Kindes auf. Der höchste Anteil an Frauen in einer regulären Vollzeitbeschäftigung ist in der Altersgruppe der 25- bis 29-Jährigen angesiedelt. Danach sinkt er, da viele Frauen keiner regelmäßigen Arbeit mehr nachgehen. Sie geben ihren Job auf, da es ihrer Meinung nach nahezu unmöglich ist, voll berufstätig zu sein, Kinder großzuziehen und den Haushalt zu erledigen. Abe hat eine Reihe von Reformen angekündigt, darunter die Schaffung ausreichender Kindertagesstätten für 300.000 Kinder bis März 2020. Bis März 2015 sollten börsennotierte Unternehmen die Anzahl ihrer weiblichen Führungskräfte offenlegen, zudem soll das Steuer- und Sozialversicherungssystem überarbeitet werden, um seine Neutralität gegenüber weiblichen Erwerbstätigen sicherzustellen. Bislang sind Abes konkrete Pläne, mehr Frauen für den Arbeitsmarkt zu gewinnen, immer noch ein wenig vage und von den Traditionalisten gehen einige Widerstände aus. Doch die Japanerinnen scheinen durchaus positiv zu reagieren. Der wichtigste Punkt in diesem Zusammenhang ist, dass Abe als erster japanischer Politiker überhaupt den Beitrag von Frauen zum Thema gemacht hat und ihnen die öffentliche Unterstützung zuspricht, die lange Zeit in Japan gefehlt hat. Dies ist zumindest als ein erster Fortschritt zu werten.